Im letzten Heft wurde über ein wertvolles Archiv einer altehrwürdigen Stadt (Lichtenfels) berichtet, die jedoch gerade seit der Eröffnung der Eisenbahn, seit 1846, aus dem Dornröschenschlaf geweckt, sich sprunghaft zu einer mittelgroßen Stadt entwickelt hat. Dieser rasche Aufschwung spiegelt sich, wie wir sahen, auch im dortigen Stadtarchiv wieder. Das Archiv, von dem heute berichtet wird, veranschaulicht uns das Schicksal eines Ortes, das, mit Lichtenfels verglichen, geradezu das Gegenstück dazu bildet.
Etwa 20 km östlich von Ingolstadt liegt am rechten Ufer der Donau gegenüber den gefällig profilierten Jurahöhen das malerische Vohburg, das erst am 22. November 1952 zur Stadt erhoben wurde. Es zählt nach dem Amtlichen Ortsverzeichnis von 1952 2330 Einwohner und 394 Wohngebäude. Im Jahre 18321 hatte der Ort 1000 Einwohner und 212 Wohnstätten, 18772 1502, 19043 1462 und 19284 1730 Bewohner. Es gibt nur ganz wenig Städte in Altbayern, die sich wie Vohburg rühmen können, nicht nur auf eine lange, alte, sondern auch auf eine bedeutungsvolle Geschichte zurückschauen zu können. Schon in den Traditionen des Hochstiftes Freising5 wird nach 895 dieser Ort „Vohapurch“ = Fuchsberg genannt. Die Glanzzeit der heutigen Stadt fällt in das Hochmittelalter, als die Markgrafen von Vohburg und Cham, die mit den Wittelsbachern verwandten Diepoldinger, von hier aus über ein mächtiges Territorium geboten. Nach deren Aussterben fiel 1204 das Gebiet an das Herzogtum Bayern. In der alten Burg, von der heute nur noch die Ruinen an die einstige Herrlichkeit gemahnen, fanden glänzende ritterliche Feste statt. Hier hat auch Herzog Albrecht der III. von Bayern-München mit der ihm geheim angetrauten Agnes Bernauer gelebt. Bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts war die heutige Stadt, der Kurfürstliche Markt, Sitz eines nach ihm benannten Kurbayerischen Land- bzw. Pfleggerichtes. Im Zeitalter der technischen Entwicklung blieb Vohburg allerdings zurück. Engstirnige Sonderinteressen verhinderten,daß der Markt an das Eisenbahnnetz angegliedert wurde. Hier wieder das Gegenstück von Lichtenfels! In jüngster Zeit, ganz besonders seit 1945, ist jedoch eine starke wirtschaftliche Belebung festzustellen. Die bewußte Anknüpfung an die reiche geschichtliche Vergangenheit Vohburgs führte auch dazu, das alte Archivgut, das früher nur als Speicherkram betrachtet wurde, zu ordnen und in einem Stadtarchiv als ehrwürdiges Zeugnis der Geschichte zu verwahren.
Leider hat das Archivgut des ehem. Marktes schwere Einbußen erlitten. Vor etwa 100 Jahren wurden aus Unverständnis und Gewinnsucht heraus viele alte Urkunden und Akten eingestampft6. Seitdem hat das Vohburger Archiv noch zahlreiche Verluste erlitten. Infolge der Raum- und Wohnungsnot am Ende des 2. Weltkrieges wurde das, was noch erhalten blieb und nicht von unverantwortlichen Raritätensammlern entfremdet wurde, im Speicher des Rathaus-Nebengebäudes untergebracht. Als im April 1954 der Vorstand der Abtl. Kreisarchiv München das Vohburger Stadtarchiv besichtigen wollte, fand er in diesem Speicher nur Berge von ungeordneten, wirr aufgestapelten Bänden und Akten vor. Seine Aufforderung, diesen unmöglichen Zustand schleunigst zu beseitigen, wurde von der Stadtverwaltung, namentlich vom 1. Bürgermeister und vom federführenden Kanzleibeamten, freudig aufgenommen. Auf deren Wunsch wurde mit Genehmigung des Generaldirektors der staatlichen Archive Bayerns durch einen Beamten des Kreisarchives München das noch vorhandene Archivgut gesichtet, geordnet und inventarisiert. Zu diesem Zweck hat dieser einen Teil seines Jahresurlaubes verwendet. Diese Arbeit zeigt, daß auch im bescheidenen Rahmen ein Archiv aufgebaut und ausgebaut werden kann.
Ist es nicht ein Schulbeispiel für das blinde Schicksal archivalischer Quellen, daß gerade unter den schon zum Einstampf bereit gestellten wertlosen jüngeren Akten die ältesten Urkunden Vohburgs7 entdeckt werden konnten? Über den ganzen Bestand wurde ein eigenes Repertorium angelegt und nach Abschluß der Ordnungsarbeiten konnten die mit Signaturen versehenen Archivalien in einen, den Forderungen eines Archivbeständeraumes entsprechenden, eigenen, würdigen Saal im neuen Rathaus der Stadt, der umgebauten ehemaligen St. Andreas-Pfarrkirche, am 30. April 1955 einziehen.
Was nun den Inhalt des Stadtarchives Vohburg an der Donau betrifft, so muß zugegeben werden, daß es an Urkunden, die der Laie in erster Linie von einem Archive erwartet, ziemlich arm ist. Die älteste Urkunde, die den Besitz des dortigen Heilig-Geist-Spitales betrifft, ist aus dem Jahre 15069, entstammt bereits der Neuzeit. Nur 3 pergamentene Urkunden und ein pergamentenes Libell besitzt Vohburg im Original, alle übrigen Urkunden dagegen nur in Form von Abschriften. An Bänden und Rechnungen ist es allerdings reichlicher gesegnet. Die Ratsprotokolle10 reichen bis zum Ende des dreißigjährigen Krieges zurück. Unter derselben Archivaliengattung besitzt die Stadt ein Prachtexemplar, einen in bestem Schweinsleder gebundenen, mit Silber beschlagenen und mit wuchtigen, handgeschmiedeten Schließen geschmückten Band aus dem Jahre 172211. An die 15 laufende Meter nehmen die Reihen der verschiedenen Rechnungsbände ein, die ebenfalls auch unersetzlich kostbar sind, weil sie zum Teil in von zierlicher Mönchshand sorgfältig und fein geschriebenen Meßbuchblättern aus dem frühen Hochmittelalter eingebunden sind. Die Marktrechnungen12 sind ab 1602, die Spitalrechnungen13 ab 1612, die der Jungfrauenstiftung14 ab 1652 und die der Reichalmosenstiftung15 ab 1655 mit einzelnen Lücken bis auf unsre Tage erhalten, nur um die allerwichtigsten zu nennen. Der Großteil der Akten entstammt dem 19., verschiedene gehören auch dem 18. und nur einige wenige dem beginnenden 17. Jahrhundert an. Außerdem wurden auch verschiedene ältere Druckschriften des 18. und 19. Jahrhunderts dem Stadtarchive Vohburg einverleibt.
Die 3543 Archivalien wurden nach den „Richtlinien für die landschaftliche Archivpflege“16 untergliedert und zwar in Urkunden = U 1-8 (1480-1779), Bände = B 1 (B 1/1-B 1/11 1658-1720) – 20 (1547-1945), Rechnungsbände = R 1/1 ff.-18 (1602-1936); Akten = A 1-11 (1611-1942) und ältere Druckschriften = D 1-11 (1751-1880).
Wohl kann sich das Stadtarchiv Vohburg an der Donau nicht mit anderen berühmten und urkundsreichen öffentlichen Archiven messen. Trotzdem kann dieses Gemeinde-Archiv als Vorbild und Muster für alle übrigen kleineren Stadtarchive mit Recht angesehen werden. Denn trotz empfindlichen Einbußen und nie wieder gutzumachenden Verlusten wurde hier das Gerettete einesteils von fachmäßiger Hand gesichtet, geordnet und inventarisiert, andrerseits in einem würdigen Raume der Forschung zugänglich gemacht. Die Stadt Vohburg hat sich durch diese Leistung unzweifelhaft verdient gemacht. Wenn auch die übrigen Gemeindeverwaltungen sich mit gleichen Kräften für die Erhaltung und Ordnung ihres alten Schriftgutes einsetzen würden, wäre es gar bald um die landschaftliche Archivpflege in Bayern gut bestellt. Auch im bescheidenen Rahmen kann das Gerettete zweckentspechend erhalten und gepflegt werden.